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Bildung & Brauchtum

LVM V ZELUS DEI - Eingreifen Gottes

Sieh, vor dem Mann erschien ein bronzener Schlagstock,
wie ein Trommelstock gebunden in der Tiefe.
Bewegte sich zum Schlagen hin und her.
Und in der Bewegung sagte sein Klang folgendes:

Schwächen, Hohnlachen des Verderbens.
Gott steht es entgegen.
Wo es Höhe ersteigen will, fährt es in den Abgrund.

Entziehe euch alle Ehre.
Werfe euch aus allem Glück.
Stürze euch in Verwirrung.
Verwerfe euch wie schmutziges Aas.

Ihr seid in der Kehle jener alten Schlange.
Wölbt euch vor aus ihrem Schlund,
den Menschen irr zu leiten.

Gießt in brennenden Wunden
Abschaum von Fehlern über sie.
Erschüttert mit Brandgeschossen ihre schlimmen Taten.

Aufgebläht von Mordlust, tötet ihr sie.

Dringt so ständig auf sie ein,
sobald sie Gottes Recht verlassen,
dass sie Gott selbst verachten.

Erwägt in euren Vorhaben,
wie ihr alle Werke Gottes in die Irre führen könnt.

So führe ich Krieg gegen euch.
Offenbare so an euch Gottes Stärke,
stürzt ihr ins Nichts.

Hildegard von Bingen - LVM VI

 

 

LVM V/5 Tristitia Saeculi - Caelestis Gaudium

Das fünfte Bild sah ich in Frauengestalt.

An seinem Rücken stand ein Baum,
vollkommen vertrocknet, ohne Blätter,
in dessen Zweige war das Bild verstrickt.

Ein Zweig bedeckte seinen Scheitel,
einer lag um Hals und seine Kehle.
Einer legte sich über den rechten Arm,
einer um den linken.

Seine Arme streckte es dennoch nicht aus,
sondern legte sie um sich mit Händen,
von denen Zweige hingen
und Klauen, einer Krähe ähnlich.

Auch kam auf seiner rechten und linken Seite
je ein Zweig hervor,
umgaben übereinander seinen Bauch und seine Knie,
waren verwickelt ineinander.

Seine Füße aber waren aus Holz.

Keine anderen Gewänder hatte es,
außer der Art, in der Zweige es umgaben.

Böse Geister kamen aus der Finsternis
mit schwarzem Nebel und großem Gestank,
bedrängten es.

Es lehnte sich zurück. Seufzte ihnen zu. Sprach:

 

TRISTITIA SAECULI - Weltschmerz

Weh, dass ich geschaffen.
Weh, dass ich lebe.

Wer wird mich befreien?

Wüsste Gott von mir,
wären um nicht nicht solche Gefahren.

Auf Gott zu vertrauen, bringt mir nichts Gutes.

Mich mit ihm zu freuen, hält mir Böses nicht fern.

Viele Weise höre ich lehren, in Gott sei viel Gutes.

Nichts Gutes aber tat mir Gott in alledem.

Gibt es meinen Gott,
was verbirgt er mir all seine Gnade?

Lässt jemand mir Gutes zukommen, kenne ich ihn.

Aber weiß nicht, was ich bin.

Gezeugt in Unglück, in Unglück geboren, lebe ich trostlos.

Ach, was nutzt mir Leben ohne Freude?

Bin warum geschaffen, ist mir nichts Gutes?

 

Und wieder hörte ich, wie eine Stimme aus der Sturmwolke diesem Bilde Antwort gab:

 

CAELESTIS GAUDIUM - Himmelsfreude

Blinde, Taube -
Weißt nicht, was du sagst.

G-tt schuf den Menschen leuchtend.

In diesen See von Unheil führte ihn
in seinem Treuebruch die Schlange.

Betrachte nun Sonne, Mond, die Sterne
und allen Schmuck an Grünkraft auf der Erde.

Bedenke, welch großen Reichtum Gott darin
den Menschen gibt,
fehlt doch der Mensch in großem Leichtsinn
gegen G-tt.

Bist trughaft, listig, treulos.
Setzt stets Vertrauen auf die Hölle.
Weißt nicht, bedenkst nicht,
dass Heilung kommt von G-tt.

Wer gibt dir,
was du hast an Lichtem und an Gutem,
wenn nicht G-tt?

Kommt Tag zu dir, nennst du ihn Nacht.
Ist Heilung bei dir, nennst du sie Verfluchung.

Sind all deine Dinge und Angelegenheiten gut, nennst du sie böse.

So bist du in der Hölle.

 
Halte aber den Himmel.
Denn betrachte richtig, was G-tt erschaffen,
was du schädlich nennst.

Versammle Blumen, Rosen, Lilien, alle Grünkraft sanft in meinem Schoss,
lobe ich alle G-ttes Werke.

Sammelst dir in ihnen Schmerzensschmerzen,
bist du in all deinen Werken traurig.

Ähnelst Höllengeistern,
wie sie in ihrem Werk G-tt stets verneinen.

Handle so nicht,
sondern übereigne
G-tt alle meine Werke.

So ist in gewisser Traurigkeit Freude,
kein Wohlstand
aber in gewisser Freude,
wie Tag ist und wie Nacht.

Denn wie G-tt Tag und Nacht erschaffen,
so sind auch Handlungen der Menschen.

Baut einer aus Missgunst eine Festung,
zerstört G-tt
sie schnell.

Wünscht Leib Ausschweifung,
erschüttert G-tt ihn rasch und schlägt ihn nieder.

Will Leibeslust in leerem Ruhm
das Himmelsrund umkreisen,
sprengt
sie G-tt, sie zu erschüttern.

Das ist recht und richtig.

Betrachte nun,
wie des Himmels
Vögel, wie schlimmstes Gewürm beschaffen.

So sehr sie einander schlingen,
sind sie nütz wie unnütz.

Und so sind Gunst und Widerstand der Zeit.

Im Ganzen nicht zu verwerfen,
reinigen
sie Nützes vom Unnützen,
Unnütze
s vom Nutzen,
wie Gold im Schmelzofen geläutert wird.

Stimmst Unnützem zu. Das mache ich nicht.

Sondern achte Nutzen und Nutzloses so,
wie Gott sie eingerichtet.

Denn Seele bezeugt den Himmel,
Leib Erde.

Leib prallt auf die Seele,
Seele lähmt den Leib.

Dumme, Blinde -
Daher bedenke, was du sagst.

Hildegard von Bingen - LVM VI

LVM V/4 Avaritia - Pura Sufficientia

Das vierte Bild erschien in Menschenform.

Nur fehlte ihm das Kopfhaar.

Es hatte einen Ziegenbart, kleine Pupillen,
weite weiße Augen.

Seine Nase atmete Luft schwer ein und aus.

Seine Hände waren aus Eisen,
seine Knie blutig, seine Füße die eines Löwen.

Es trug bleiches Untergewand,
ausgebleichte schwarze Farbe darin gemischt eingewebt,
weit in seinem unteren Teil rund um die Knie.

Über seiner Brust erschien ein Geier von schwarzer Farbe,
hatte seine Füße in dessen Brust gekrallt,
kehrte aber dem Bild Schwanz und Rücken zu.

Vor ihm stand ein Baum,
hatte seine Wurzeln in der Hölle vergraben.
Seine Früchte waren Äpfel, gefärbt wie Pech und Schwefel.

Diesen Baum betrachtete das Bild eingehend.
Sein Mund riss Früchte von ihm ab, verschlang sie gierig.

Viel schreckliches Gewürm umgab sie,
bewirkte mit seinen Schwänzen
großen Lärm und Aufruhr in der Finsternis.

Das Bild sprach:

AVARITIA - Habsucht

Bin nicht dumm, sondern weiser als jene,
die auf Wind schauen,
von Luft alles Notwendige erbeten.

Reiße alles an mich. Sammle es in meinem Schoss.

Je mehr ich raffe, desto mehr habe ich.

Mehr nützt mir, selbst alles Notwendige zu haben,
als andere darum zu bitten.

Keine Schuld trifft, wer mehr hat als notwendig,
häuft er Mehr an, trägt er Mehr zusammen.

Habe ich mehr als ich will, habe ich nicht nötig,
jemanden um etwas zu bitten.

Sehe ich alles, was ich will, in meinem Schoß,
füllt mich all das, was mich freut, mit Wohlstand.

Dann fürchte ich niemanden, 
lebe im Glück, leide keinen Mangel,
brauche kein Mitleid von irgend jemandem.

Bin denn schlau in verschlagener Härte.
Fordere alles ein, was mein.
Niemand kann es mir entreißen.

Was schadet mir, droht man mir,
gelingt keinem, mich zu verletzen?

Ich bin kein Räuber oder Strauchdieb,
greife nach allem, was ich will,
reiße es an mich in meiner Kunst.

Und wieder hörte ich, wie eine Stimme aus der Sturmwolke diesem Bilde Antwort gab:

 

PURA SUFFICIENTIA - Reine Genügsamkeit

Teufelstrug -
an der Beute schnell wie der Wolf.
Verschlingst Fremdes wie ein Geier.

Doch feiste Pusteln beulen sich an dir.
Unrechte Wünsche beladen dich
wie
ein Kamel seine Höcker.

Bist Wolfsschlund.
Bereit, alles zu verschlingen.

Liegst so in Härte, in allem gottvergessen.
Vertraust dir nicht.

Bist hart, bitter ohne Erbarmen.
Willst nicht der anderen Erfolg.

Wie Würmer in ihre Gänge kriechen,
entziehst du wilder Tagelöhner dich
dem Wohlstand anderer.

Nichts genügt dir.

Sitze aber über den Sternen.
Alle G-ttes Güter gewähren sie mir.
Freue mich am süßen Klang des Tympanums,
denn ich vertraue auf ihn selbst.

Betrachte die Sonne, habe an ihr stets Freude.
Umarme den Mond und halte ihn in Liebe.

Was sie entstehen lassen, das gewähren sie.
W
ozu mehr begehren, als ich brauche?

Da ich mit allem Mitleid habe,
ist mein Gewand von weißer Seide.

Da ich in allem Nutzen sanft,
ist mein Gewand
verziert mit edelstem Gestein.

Bin so im Königs Haus.
Von dem, was ich mir wünsche, fehlt mir nichts.

Mein ist das königliche Fest,
da ich die Königstochter bin.

Du aber, Schlimmster Teil,
kreist
um das ganze Erdenrund,
füllst
trotzdem deinen Magen nicht.

Hildegard von Bingen - LVM V

LVM V/3 Maleficium - Verum Cultus Dei

Das dritte Bild hatte Wolfskopf und Löwenschwanz.
Sein übriger Körper ähnelte einem Hund.

Es spielte mit dem vorigen Bild, sprach:

'Wir sind in allem eins.'

Und großes Ohrensausen klang in seinen Ohren.
Umsichtig siebte es das, lauschte,
was es wäre, woher es käme.

Hob darauf seine rechte Vorderpfote.
Streckte sie dem großen Sturm entgegen,
der von Norden kam.

Mit der linken Vorderpfote zog es
der Elementen-Winde Wehen an sich.

Es sprach:

MALEFICIUM - Magie

Viel lerne ich von Merkur und anderen Philosophen.
Derart beugten sie in ihrer Forschung Elemente,
dass mit Sicherheit alles herauskam, was sie wollten.

Diese Dinge fanden die tapferen und weisen Männer
teils durch Gott, teils durch Dämonen.

Was steht dem entgegen?

So nannten sie sich selbst Planeten.
Denn viel Weisheit, viele Einsichten
empfingen sie von Sonne, Mond und Sternen.

Stets überall aber will ich dieser Künste mächtig sein,
sie beherrschen, gleichsam in Himmelslichtern,
in Bäumen, Pflanzen, Blüten der Erde,
in Wild und Tieren auf der Erde,
auf der Erde und darunter im Gewürm.

Wer widersteht mir auf meinen Wegen?

Gott hat alles geschaffen.

So füge ich in diesen Künsten ihm kein Unrecht zu.

Will er doch selbst, dass vieles ergründet wird
in Schriften und Fülle seiner Werke.

Was nützte, nach keiner Ursache zu forschen?
Wären seine Werke so blind, dass sie nichts ergäben?

 

Wieder hörte ich, wie eine Stimme aus der Sturmwolke
diesem Bilde Antwort gab.

 

VERUM CULTUS DEI - Echte Gottesverehrung

Was gefällt G-tt mehr,
wird er selber oder seine Werke angebetet?
Geschöpfe,
aus ihm hervorgegangen,
können selbst niemandem das Leben spenden.

Was ist Leben, das G-tt gibt?
Wie ist der Mensch vernunftbegabt?
Was hält den Rest der Schöpfung in den Elementen?
Und auf welche Weise?

Der Mensch lebt in den Flügeln der Vernunft,
Flugtier und Reptil leb
en ganz von den Elementen.

Klang hat der Mensch in seinem Verstand.

Der Rest der Schöpfung aber ist stumm,
kann weder sich noch anderen helfen,
sondern erfüllt seine Anordnung.

Magie - Hast einen Kreis fern des Mittelpunkts.

Denn stellst du viele Experimente,
Nachforschungen an im Schöpfungsrund,
entzieht
dir selbe Schöpfung Reichtum und Ehre.
Wirft dich den Abgrund hinab wie einen Stein.

Denn selbst hast du ihr
ihres G-ttes Namen weggenommen.

So weinen alle Erdenvölker über dich,
verlachst du sie in Blasphemie,
führst sie
aus G-ttesverehrung in die Irre,
wo sie doch G-tt dienen sollten.

So steht dir kein anderer Lohn als dem Verwirrer zu.

Hildegard von Bingen - LVM V

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