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Bildung & Brauchtum

LVM I/5 Ignavia - Divina Victoria

Das fünfte Bild hatte tatsächlich einen Menschenkopf.

Doch waren seine linken Ohren wie die eines Hasen,
dafür aber so zahlreich,
dass sie den Kopf ganz 
verbargen.

Sonst ähnelte der Leib einem Wurm,
dem Knochen fehlen, der in seinem Bau
vergraben liegt,
w
ie ein Kind in Windeln gewickelt.

Zitternd sprach es.

 

IGNAVIA – Feigheit

Kein Unrecht kümmert mich.

Bin so nicht ohne hilfreichen Trost.

Kümmerte mich fremdes Unrecht,
verdürbe meine Substanz.

Würde auch meinen Freunden fehlen.

Ehre auch Edle und Reiche.

Heilige und Arme sind mir schnurz.

Können mir keine Wohltaten erweisen.

Will jedem gefallen, nicht unterzugehen.

Kämpfte ich mit jemandem,
schlüge der vielleicht gar zurück.

Griffe ich in eines anderen Untat ein,
fügte der mir vielleicht noch Schlimmeres zu.

Solange unter Menschen, lebe ich ruhig mit ihnen.

Schweige, ob sie Gutes oder Böses tun.

Besser für mich, zu lügen und zu täuschen,
als Wahres zu sagen.

Auch besser für mich, etwas anzunehmen als unterzugehen,

Starke zu fliehen statt gegen sie zu kämpfen.

Was würde gewonnen,
beginne ich, was ich nicht vollenden kann?

Sieger und Schlaue würden mich auslachen.

Sollen sie selbst haben, was sie haben.
Habe mein Häuschen so, wie ich es mir ausgesucht.

Die Wahres sagen, geben ihre Güter häufig her.
Die kämpfen, werden manchmal gar getötet.

Und wieder hörte ich, wie aus der Lichtwolke eine Stimme diesem Bilde Antwort gab:


DIVINA VICTORIA – Göttlicher Sieg

Im allerersten Irren, gegen Gott zu reden,
begann deine Verirrrung.

Wolltest der Rechtschaffenheit nicht nacheifern.

Gingst voll zitterndem Staunen auf Irrfahrt ins Exil.

Täuschtest den Menschen mit wechselnder Gunst.

Nichts Verlässliches ist in dir.

 

Halte der stärksten Gotteskräfte Schwert,
durchschlage damit
jedes Unrecht.

Erschüttere dich so
- mit gezogenem Schwert an der Wange.

Mache mich stark gegen dich,
d
a du Staub vom Staub bist.

Was du begehrst, dir sammelst,
ist armselig, klein.

Will denn kein Leben, das im Staub liegt,
nicht leere Eitelkeiten dieser Zeit.

Sondern begehre,
zu
m sprudelnden Quell zu gelangen.

Bekämpfe die alte Schlange.

Zerstöre all ihren Raub
mit
Gottes Schriften Geheimnis.

Wehre mit ihnen Verwirrers Wurfnetze standhaft ab.
Bleibe so stets im wahren Gott.

Hildegard von Bingen - LVM I

LVM I/4 Obduratio - Misericordia

Wie dichter Rauch in Menschengestalt war das vierte Bild.

Hatte weder menschliche Glieder,
außer, was wie große, dunkle Augen schien.

Noch bewegte es sich, um auf- oder abzusteigen,
sich diesem oder jenem zuzuwenden.
Sondern blieb starr unter dem Schatten.

Es sprach:

OBDURATIO - Herzenshärte

Schuf nichts. Sah nichts vor.

Warum mich also zerreißen, 
mich kümmern um ein Anliegen?
Mache ich nicht.
Was mir nichts bringt, kümmert mich nicht,

Gott schuf alles.
Soll Er entscheiden. Sorge tragen.
Gebe ich Laut, schmeichele mich in fremde Angelegenheit,
was nützt mir das?

Füge niemandem irgendetwas zu. 
Nichts Böses. Nichts Gutes.
Was, wäre Erbarmen in mir so groß, 
dass ich nicht zur Ruhe käme?
Wie wäre mein Leben, antwortete ich all den Stimmen,
die sich freuen oder klagen?

Kenne mich. Jeder soll sich kennen.“


Wieder hörte ich, wie eine Stimme aus der Sturmwolke
diesem Bilde Antwort gab:

MISERICORDIA – Barmherzigkeit

Versteinerung, was sagst Du?
In ihrem Blühen gewähren Pflanzen
anderen Pflanzen ihren Duft.
Feuchtigkeit schenkt ein Stein dem anderen.

Bereit ist jedes Geschöpf, alles zu umfangen,
was es kennt.

Alle Geschöpfe dienen dem Menschen.
Tun in diesem Dienst dem Menschen gerne wohl.

Bist aber nicht wert,
teil an Menschengestalt zu haben.
Schaust grimmig ohne jedes Mitleid.
Bist boshafter Schwärze bitterster Rauch.


Bin süßeste Saat in Luft, in Tau, in aller Lebenskraft.
Voll sind meine Adern, jedem Hilfe zu gewähren.

War denn im „Es Werde“.

Daraus entstanden alle Geschöpfe,
die dem Menschen dienen.

Du aber warst dort ausgeschlossen.

Betrachte alles Notwendige, verbinde mich damit,
sammele Gebrochene zur Heilung.

Denn bin da, Schmerzen zu beenden.

So sind meine Reden da recht und richtig,
wo du bitterer Rauch bist.


Hildegard von Bingen - LVM I

LVM I/3 Ioculatrix - Verecundia

Das dritte Bild ähnelte einem Menschen.
Hatte nur eine gewundene Nase.
S
eine Hände waren wie Bärentatzen.
S
eine Füße wirkten wie Greifenfüße.

Es hatte schwarze Haare,
war bekleidet mit ausgebleichtem Gewand.

Und sprach.

IOCULATRIX – Spasssucht

Besser spielen als Trübsal blasen.
Spiel ist kein Frevel.

Wer Gott kennt, freut sich und singt.

Freut der Himmel alle Geschöpfe,
freue ich mich auch mit ihnen.

Zeige ich mich Menschen traurig,
schrecken sie vor mir zurück und weichen aus.
Das mache ich nicht.

Sondern bewege mich in vielen Spielarten,
damit sich alle mit mir freuen.

Gott schuf die Luft.
Süßen Klang trägt sie mir zu,
bietet mir Blüten voller Leben,
meine Augen daran zu weiden.

Was soll ich mich nicht daran freuen?

Menschen spielen mit Tieren,
wie Tiere mit Menschen spielen.

Das kommt gerade recht.

Wieder hörte ich aus der Sturmwolke
eine Stimme diesem Bilde antworten:

 

VERECUNDIA – Bescheidenheit/Wahrhaftigkeit

V
erehrst Götzen.
Machst sie ganz nach deinem Willen.

Bist totes Klatschen von Menschenhänden
in der Luft.

Dein Verlangen - zugleich menschlich und tierisch.

Verhältst dich teils Mensch, teils Tier.

Dein ganzes Verhalten gleicht dem von Kreaturen.
T
oten, nicht lebendigen.

Bekommst, was immer du begehrst.

Wandelst der Eitelkeit wechselnde Wege.

Erröten macht mich all dies.


Bedecke mich mit
Cherubsflügeln.

Lerne Gottes Geheimnisse
in Bänden und Gottesgesetzen.

Lebe in allen Himmelsdingen auf.

Sehe denn mit der Unschuld Augen.

Betrachte
rechtes Handeln nach Gottes Willen
von allen Seiten.

Das du in unwissender Blindheit fliehst.


Hildegard von Bingen - LVM I

LVM I/2 Petulantia - Disciplina

Das zweite Bild war wie ein Jagdhund,
stand auf seinen Hinterläufen,
hatte seine Vorderläufe über einen Stock gelegt,
und
wedelte mit dem Schwanz. Es sprach:

PETULANTIA – Leichtsinn

"Was schadet Vergnüglichkeit dem Menschen? 
Sie lässt ihn doch so leicht lachen?

Steckt doch ein so hübsches Lüftchen in der Seele,
dass sie klingen muss.

Welcher Mensch ist schon stets bereit zu sterben? 

Niemand!

Drum soll er sich freuen, solange er kann."

Wieder hörte ich aus der Sturmwolke
eine Stimme diesem Bilde antworten:

 

DISCIPLINA – Disziplin: Die Fähigkeit, zu lernen

Halunke,
gleichst tönendem Wind
wie schmuddelige Spassmacher.

Du bist in deiner Wechselhaftigkeit
wie Gewürm,
das Erde umgräbt.

Beachten die Menschen dich,
denen du im Scherz
begegnest,
geben sie dir nach, geht Anstand vor die Hunde.

Bringst sie, zu begehren, was immer sie wollen.

Schwingst müßige, unrechte Rede,
verwundest
so Menschenherzen.

Schaffst dir regelmäßig und gewohnte Wege,
Menschen
zu vereinnahmen.


B
in aber Gürtel der Heiligung,
Mantel der Wahrhaftigkeit,
in allen Ehren der Hochzeit des Höchsten Königs
verbunden.

Erscheine dort mit der Freude eines gut gezogenen Schösslings.

Erbebe da in der Gerechtigkeit vollständigem Schmuck.

Hildegard von Bingen - LVM I

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